Dreidimensionale Zukunftsmusik

Zentrum für virtuelle Anwendung 1993
(Abschlussarbeit, Hochschule der Künste Berlin/V.Sassmannshausen)
Unverändert steht der alte Gasbehälter in Kreuzberg, wäre da nicht ein riesiger Rahmen vor einen neuen Eingang gestellt worden. Der Rahmen - der entfernt an einen Bildschirm erinnert, deutet die neue Besetzung des alten Gebäudes an. Tatsächlich durchschreitet man das Tor, um in eine andere Welt zu gelangen. Die Reise geht in eine Welt, die so fern und doch so nah ist. Ein Innen-Raumbahnhof für Expeditionen in die Virtuelle Realität.
Drinnen angekommen, flimmern die Augen, grell strahlen die Videoprojektoren ihre Bilder aus. Diese Bilder zeigen die Welt, die es zu erleben gilt. Nachdem eine spezielle Brille aufgezogen wurde, tanzt die Projektion im Raum umher. Um tiefer einzutauchen in diese Computerwirklichkeiten, bedarf es einer aufwendigeren Ausrüstung aus Sichthelm und Datenhandschuhen.
Im Inneren des ehemaligen Gasometers leuchtet ein blauer Gitterkäfig, einige behelmte Leute laufen durcheinander, machen eine Theater-Performance mit.
Der Gitterkäfig ist ein Zeichen für die berechenbare Computerwelt, in die sich hier jeder begeben kann. Um das Mittendrin-Gefühl zu haben, muß der Rechner wissen, wo der Zuschauer ist, wo er hinschaut und welche Bewegung er gerade macht. Mit diesen Informationen kann das Elektronenhirn die Bildwelt individuell in die Videohelme senden. Innerhalb dieses Raumes ist dann alles möglich, was ein Computer darstellen kann,
Das Besondere am Kreuzberger Zentrum ist, daß diese künstliche Welt über Satellit auch von einem anderen Zentrum kommen kann. Das "Theater", das gerade läuft, kann gleichzeitig über dreißig Leuten hier und woanders einer anderen Gruppe vorgespielt werden. Jeder kann auf das Ganze oder auf das Eigene einwirken. Mit der Anlage kann auch im dreidimensionalen Raum gemalt und gebildhauert und getanzt werden. Die entstehenden Farbräume können in allen nur denkbaren Formen verändert werden. Im Kopf eines einzelnen imaginierte Visionen werden anderen sichtbar. Eine Gruppe Bildhauer "formt" eine Skulptur, die ihre Farben je nach Standort wechselt.
Im virtuellen Raums bleibt ein Bewegungsecho zurück, von jedem Tänzer in einer anderen
Form (blinkend, pulsierend, farbig usw.). Nicht alle Akteure müssen gleichzeitig am gleichen Ort sein. Innerhalb und außerhalb dieses Hauses können - per Satellit - verschiedene Virtuelle Räume zusammen geschaltet werden. Die einmal gespeicherte künstliche Realität kann beliebig oft, langsam oder schnell erzeugt und erlebt werden.
Neben dem Aktionsraum genannten Gitter leuchtet ein großer Würfel. In ihm ist ein normales TV-Studio eingerichtet, dessen durchlässige Wände das bunte Scheinwerferlicht durchschimmern lassen.
Hier wird alles dreidimensional aufgezeichnet. Die Kameras bewegen sich wie von Geisterhand. Sie werden ferngelenkt bewegt, von jemand, der nur durch Körperbewegungen steuert. Die 3-D-Filme können später zu interaktiven Video-Clips weiterverarbeitet werden.
In drei schwebenden Würfeln auf tragflächenähnlichen Ebenen arbeiten Menschen. Die Ebenen verbinden die Computeranimationen mit den Videoaufnahmen, Cyberspace mit Tele präsenz. Die Würfel sind virtuelle Telefonzellen, und sie sind mit allen Kommunikationsmitteln ausgestattet, die das Gefühl für Virtuelle Realität ermöglichen.
Es kommen Leute aus dieser Kapsel. Sie hatten sich weltweit zu einer virtuellen Konferenz zusammengeschaltet, in der es um eine Hafenplanung in Seattle ging. Sie reden über simulierte Images, Räume der entfernten Experten. Sichtkontakt hat ihnen trotz Sprachschwierigkeiten die Verständigung erleichtert. Wie toll es war, ein fast greifbares Modell vor sich zu haben, das wie ein Tonklumpen veränderbar ist und jede Größe annehmen konnte, eine Größe, die es erlaubte, durch den Entwurf zu spazieren. Das virtuelle Zentrum sparte ihnen viele Langstreckenflüge und Konferenzen. Mediziner hatten letzte Woche in einer Blitzaktion weltweit ein Herz (aufgenommen durch einen Computer-Tomographen) probeweise - virtuell - operiert. Der Patient wird gerettet werden.
Virtuelle Kunst und anwendungsbezogene Formen würden mit diesem Zentrum Berlin weltweit vernetzten. Virtuelle Realität real.

Tip 3/94 Seite 211-Text und Fotos : V.S. Hrsg: T.R.

setdesignvr.htm