Simulation und Filmarchitektur

Ein frischer Morgen, geeignet für einen kleinen Gang durch den Wald. Die Sonne war schon seit einer Stunde über den Baumwipfeln und klärte den Dunst auf der Lichtung. Es war Zeit für eine kleine Pause. Bis auf den etwas modrigen Geruch ist so eine kleine Naturexkursion immer eine willkommene Abwechslung, besonders wenn man sie noch beruflich begründen kann. Aber was in aller Welt hat ein Computerdomteur wie ich im Grünen zu suchen? Genau das vergesse ich auch gerne, wenn ich meine kleine Edelstahlthermoskanne ausgepackt habe und der immer noch frisch duftende starke Esspresso meine Nase erreicht. Ach ja, ich wolte mir Bäume anschauen. Natürlich wusste ich bis vor kurzem noch wie diese Gewächse aussehen. Doch dann kam der Auftrag: ...und im Hintergrund visualisieren sie mir mit ein paar Pappeln! Also lies ich mir von einem befreundeten Botaniker eine schöne Stelle im Wald sagen und wollte mich mit Papier und Bleistift gewappnet "Vor–Ort" von den Gewächsen belehren lassen.
Ich dachte an eine lange und zermürbende Diskussion während der ersten Semester, hier wu§te jeder was ein Baum ist, aber die Vorstellungen liefen doch weit auseinander. Es gibt also keinen Idealtypischen Baum. Die Vorgabe Pappel schien da doch sehr greifbar. Ein Spezialistenbefragung ergab, dass ich grob gesagt zwischen der Populus alba Pyramidalis und der Populus nigra Italica wählen konnte. Jetzt war ich natürchlich wesentlich klüger. Also befragte ich eine Tree Library die einem Software Programm beigelegt war. Hier wurden die beiden Gruppen mit acht verschiedenen Beispielen belegt. Jetzt war ich garnicht mehr so sicher, dass die Angaben meines Auftragebers zu einem genauen Ziel führen würden. Welche Vorstellungen hatte er als er dies festlegte? Also schaute ich mir ersteinmal die Library an. Ich startete die Applikation, das Programm wurde übrigens von einer Botanikerin und einem Programmierer entwickelt. Die weit über einhundert Parameter, zur "Baumdefinition" waren mir ja schon bekannt. Diese Fülle löste während des ersten Kontakt eine völlig neue Sensibilität für die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Baumarten aus. Wie verläuft der Stammdurchmesser, wo fangen die Äste an, hängen die Zweige oder sind sie in alle Richtungen verteilt und welche Form haben die Blätter? Die Liste der Eigenheiten wird mit laufender Beschäftigung immer länger. Gefangen zwischen botanischem Anspruch und dem Gestaltungswillen eine Visualisierung zu schaffenden Vorstellungen meines Klienten entspricht, sass ich nun auf meiner Bank.
Die Lektüre für diesen Waldbesuch hatte ich auch dabei: "Entfernung der Natur: Landschaftsmalerei 1750-1920, DuMont1989".
Unter dem Kapitel Natur und Formgesetze wurde ich nicht nur hinsichtlich meines Problems fündig, sondern sogar ganz speziell über "meine" Pappeln. Die Abbildungen waren aber sehr reduziert und wollten sogarnicht in meine Vorstellung des anzufertigenden Image passen. Obwohl die Pappel auch hier als Reihenmotiv wiedergegeben wird. Ich mochte diese Buch schon immer. Stellt es doch für mich die griffigste Darstellung von der abbildenten Landschaftmalerei bis hin zu einer Haltung die eher dem Landschaftsarchitekten gleicht: die natürlichen Elemente werden nur ihrer Wirkung bzw. der gewollten Gesamtaussage benutzt. Bäume also wie Farben auf einer Pallette, ebenso alle anderen Anteile wie Himmel oder auch die vor mir liegende kleine Lichtung. Seit dem Beginn meiner kleinen Pause hatte die Sonne ihre Bahn gezogen und die Lichtverhältnisse hatte sich erheblich verändert. Eine ganz andere Stimmung umgab mich als ich wieder aus meiner Lektüre aufschaute. Die von mir besuchten Pappeln warfen einen interessanten Schatten. Dieser war aber nicht statisch, sondern durch den leichten warmen Wind wiegten sich die Baumspitzen und veränderten das Schattenmuster auf der Lichtung in einer ruhigen angenehmen Weise. Wie schon die verschiedensten Merkmale der Bäume haben die Licht und Schattenanspiele ihre eigenen Regeln. Wenn man dies abbilden will, muss man es Simulieren können. Die Simulation setzt aber wiederum eine genau Kenntnis der Einzelteile und deren Zusammenspiel voraus. Hat sich gerade das Gefühl eingestellt alles Notwendige zu wissen, stellt sich oft ein unbehagen ein, dass sich aber oft nicht erklären lässt. Grundsätzlich ist man an der Vorstellung vorbeigelaufen oder die Gestaltung entspricht nicht dem möglichen Erleben. In der kognitiven Psychologie ist man sich durchweg einig, dass eine unmögliche Schattendarstellung nicht unbedingt als solche erkannt wird, aber ein Unbehagen auslöst.
Der weitere Verlauf meiner Exkursion sollte mich noch zu einem kleinen Froschteich führen. Auch das war ein Wunsch meines Auftraggebers. Sein Objekt steht mitten in einem Park. Wasser hatte seit jeher eine Anziehung auf mich. In einem Wettbewerb (Malerei) sollte das Element Wasser darsgestellt werden. Reduziert man Wasser auf sich selbst, d.h. ohne äussere Einflüsse, so ist es nicht darstellbar. Was wir im flüssigen Zustand wahrnehmen ist immer die Energie, das Licht oder die Vermischung von Wasser. Im flachen klaren Wasser spiegelt sich die Umgebung, meisten der Himmel. Schauen wir durch das Wasser auf den Grund sehen wir die Brechungen des Sonnenlichtes als helle Schlieren. Diese optischen Effekte verzerren auch den Blick auf den Grund. Die Oberfläche ist selten ganz glatt und man kann den Wind "sehen".
Mittlerweile ist die Sonne auf Highnoon und sehr heiss geworden. Den Füssen gönne ich ein Bad, gegen den Willen der heimischen Frösche, und schaue durch die flierende Luft. Nicht so schlimm wie in der Wüste aber es erinnert mich an den Simulationsgedanken. Also an Wärmeschlieren denken. Durch den leichten Wind und die Wärme entwickelt sich auch langsam ein gewisser Dunst. Wollte ich jetzt noch Fotos machen hätte ich mit einigen Unschärfen zu rechnen. Diese luftperspektivische Eigenschaft, Sfumato genannt, ist an sonsten ein beliebtes Gestaltungsmittel in vielen Bereichen. Jetzt stört es mich und ich verlagere mich doch wieder auf Papier und Bleistift. Hier läuft die abzubildente Wirklichkeit besser durch das wahrnehmende Auge. Das Papier ist ein unerbittlicher Komentator des ÒgesehenenÒ. Doch halt, aus den paar schnell hingeworfenen Strichen wurden mir meine Pappeln wieder lebendig, ein benachbarter Angler fragte ersteinmal ob er das Papier richtig herum hält. Meine Eselbrücke für Wirklichkeit ist das was auf mich wirkt, die realität ist das was ich realisiere. Mein Nachbar sieht dies wiederum genau entgegengesetz, naja ich esse auch keinen Fisch. Ich sehe mir lieber die kleinen Wellen an die sie erzeugen, wenn sie dicht unter der Oberfläche schwimmen. Ich sehe die elegante Bewegung, das Gleiten und die kleinen Bläschen die aufsteigen. Er, der Angler, liest aus den Strömungen nur den besten Platz zum Fischen und schwört auf seine Beobachtungsgabe. Eine Wirklichkeit, zwei Realisierungen. Oder für meinen Uferkollegen, eine Realitäten und zwei Wirkungen. Wichtig ist bei meinem Vorhaben aber nicht die genaue Bezeichnung der Vergefundenen Dinge und Umstände sondern das Erfassen und im besonderen die Umsetzung entsprechend einer gewünschten Aussage.
Da wir weit entfernt von den Pappeln sitzen, kann ich ihn nur schwer von meiner Zeichnung überzeugen. Meine Versuche das gesehene besser zu detailieren, scheitern, da er jetzt sicher ist das ich eine Pinie gezeichnet habe. Diese kennt er aus seinem letzten Urlaub sehr gut. überzeugt davon, setze ich meinen Weg zurück zu den "Pinien" um mein Wissen zu vervollständigen.
Zurück im Atelier frage ich mich ob der Angler jemals meine Arbeiten sehen wird. Das geplante Projekt ist eine Serie von Bilder die als Hintergrund in einem Kinofilm Verwendung finden sollen. Sie dienen also einem ganz speziellen Zweck. Ich habe das Glück das mir der Autor eine Drehbuchkopie überlässt und ich forschen kann, wie die Arbeiten eingesetzt werden soll.